Sisa Journal (Wochenmagazin)
Ausgabe vom 20. September 2001

Interview mit Herrn Professor Egon Bahr


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"Westdeutsche Regierung liess auch Linksgesinnte Ostdeutschland besuchen"

 

Reporter: Nam Moon-hee

Der ehemalige koreanische Wiedervereinigungsminister Lim Dong-won und Professor Egon Bahr (79) haben in ihren Lebensläufen etwas gemeinsam. Prof. Bahr war in den 70er Jahren im Kabinett Willy Brandts Vordenker der Ostpolitik, und Minister Lim spielte eine ähnliche Rolle bei der Formulierung der Sonnenscheinpolitik in Korea. Dabei musste Minister Lim ebenso heftige Kritik vonseiten seiner politischen Gegner hinnehmen wie ähnlich schon Prof. Bahr. Das Treffen der beiden Politiker am 6. September verlief daher sehr freundschaftlich. Bei dieser Gelegenheit tröstete Prof. Bahr Herrn Lim mit den Worten: "Ich war damals die Zielscheibe der Auseinandersetzung, Sie sind es gegenwärtig". Prof. Bahr ist nach Korea gekommen, um an der Zweiten Friedenskonferenz teilzunehmen.

SJ: Das Misstrauensvotum gegen Minister Lim Dong-won wurde einen Tag vor Ihrer Ankunft im Parlament ausgesprochen. Wie finden Sie diesen Beschluß?

Bahr: Ich fand es sehr erstaunlich, gleichzeitig war ich verunsichert. Ich dachte zuerst, der Rücktritt Lims könnte die Regierung gefährden. Meiner Meinung nach sollte die Regierung nicht schwanken. Präsident Kim Dae-jung hatte seiner Nordkorea-Politik den Namen "Sonnenschein-Politik" gegeben, was ich sehr gut finde. Es scheint aber nicht immer die Sonne. Manchmal gibt es Sturm und Gewitter. Trotzdem sollte diese Entspannungpolitik weitergehen. Ich finde, die Sonnenscheinpolitik von Präsident Kim Dae-jung richtig und notwendig.

SJ: Die Umsetzung der Ostpolitik in Deutschland war auch nicht leicht gewesen.

Bahr: Selbstverständlich nicht. Wir mussten anfangs viele Schwierigkeiten überwinden. Der damalige Kanzler Brandt sagte, eine Politik, die nicht den Menschen helfe, sei nutzlos. Wenn die Spannungen in einem geteilten Land steigen, leiden viele Menschen darunter. Die Entspannungspolitik ist daher eine Politik für die Menschen. Es hat nicht lange gedauert, bis die Westdeutschen die Vorteile dieser Politik gesehen haben.

SJ: Der unmittelbare Grund für das Misstrauensvotum gegen Minister Lim war, dass er Personen mit ideologischen Problemen (Anmerkung: gemeint sind Linke) nach Pyongyang hatte fahren lassen. Was hätten Sie an seiner Stelle getan?

Bahr: Natürlich hätte ich ihnen ebenfalls erlaubt, nach Nordkorea zu fahren. Es gab damals auch in Westdeutschland Linke, Kommunisten und Pro-Ostdeutschland-Gesinnte. Wir haben die Menschen in Westdeutschland sogar aufgefordert, in den Osten zu fahren, um dort eigene Erfahrungen zu machen. Damals herrschte in Westdeutschland die Devise: Wer Westdeutschland nicht mag, kann in den Osten gehen und dort bleiben. Die Regierung hinderte niemanden daran. Aber nur wenige beschlossen, in Ostdeutschland zu leben.      

SJ: War diese Politik auf die Selbstsicherheit der westdeutschen Regierung zurückzuführen?

Bahr: Ja. Die Demokratie in Westdeutschland war herangereift, und die Westdeutschen waren von ihrem Wert überzeugt. Sie konnten selbst die Situation beurteilen und entscheiden. Ein Massstab dafür, ob eine Gesellschaft demokratisch ist oder nicht, besteht darin, dass man frei reisen kann. Die Regierung hatte damals niemanden daran gehindert, in den Osten zu reisen, abgesehen von Soldaten, Diplomaten und Geheimpolizisten.

SJ: War die Zusammenarbeit mit der Oppositionspartei gut?

Bahr: Die Zusammenarbeit mit der Oppositionspartei ist eine Pflicht der Regierung. Wir hatten unser Wissen über Ostdeutschland an die Oppositionspartei weitergegeben. Im Parlament gründeten wir ein Sonderkomitee, das aus Regierungs- und Oppositionsparteimitgliedern bestand, tauschten Informationen und hörten uns  ihre Vorschläge an. Natürlich kritisierte die Opposition unsere Ostpolitik, aber sie hatte eine Einrichtung, wo sie ihre Meinung äußern konnte. Die Oppositions war nicht allzu unzufrieden damit, und die kontinuierliche Information durch die Regierung führte schließlich dazu, daß diese Politik auch nach dem Regierungswechsel fortgesetzt wurde.

SJ: Was waren die wesentlichen Kritikpunkte der Oppositionspartei?

Bahr: Unsere Ostpolitik sollte zuerst die Sowjetunion beeinflussen, und die Sowjetunion sollte   dann Ostdeutschland beeinflussen, auf eine Art Umweg-Politik. Die Opposition war der Meinung, die Russen würden nicht so reagieren, wie wir uns das vorstellten. Aber das Gegenteil trat ein. Ein anderer Kritikpunkt war, dass die wirtschaftliche Unterstützung durch Westdeutschland das System stabilisieren könnte. Bei einer besseren Wirtschaftslage wären die Ostdeutschen schliesslich mit ihrem System zufrieden und wollten keine Wiedervereinigung mehr. Diese Vorhersage war ebenfalls falsch.

SJ: Die koreanische Oppositionspartei hat eine sehr schlechte Meinung von der Sonnenschein-Politik der Regierung.  Man fürchtet, dass nach einem Regierungswechsel diese Politik nicht fortgesetzt werden könnte.

Bahr: Wenn die Sonnenscheinpolitik unterbrochen werden sollte, dann würde die übrige Welt dafür kaum Verständnis und Untersützung aufbringen. Im Jahr 1982 fand in der Bundesrepublik Deutschland ein Regierungswechsel von der SPD zur CDU statt. Der neue Kanzler Helmut Kohl hatte damals seinen berühmten Satz ausgesprochen: "Was interessiert mich heute mein dummes Gerede von gestern!"  Auf meine Frage, ob er die Beziehungen zur Sowjetunion, wie sie die SPD bis dahin gepflegt hatte, fortführen würde, sagte der Kanzler, er würde es überlegen. Fortan berieten wir uns öfters darüber. Unter Kohls Regierung konnte ich meine diplomatischen Aktivitäten fortsetzen. Die CDU-Regierung hat die Politik, sei es die Wiedervereinigungpolitik oder die Abkommen mit dem Ausland, wie sie von der SPD-Regierung in die Wege geleitet worden war, übernommen und fortgesetzt. Zusätzlich hat die Kohl-Regierung Darlehen nach Ostdeutschland bewilligt.

SJ: Wie sollten die Beziehungen mit unseren Nachbarländern bei der Umsetzung der Nordkorea-Politik sein?

Bahr: Korea befindet sich im Vergleich mit dem damaligen Deutschland in einer viel besseren Lage. Wir waren kein souveräner Staat. Wir mussten bei allen Entscheidungen die Zustimmung der  vier Mächte (USA, England, Frankreich, Sowjetunion) einholen. Nord- und Südkorea sind dagegen unabhängige, souveräne Staaten. Die Interessen der Nachbarländer sind zu berücksichtigen, aber deren Zustimmung ist nicht erforderlich. Wenn sich Nord- und Südkorea für die Wiedervereiniung des Landes entschieden haben, dann ist die Wiedervereinigung möglich. Sie könnten Ihre Nachbarn um Information und Kooperation bitten, aber es ist nicht wünschenswert, sie übermässig an dem Vereinigungsprozess zu beteiligen.  Hierbei sollten die Koreaner federführend sein.

SJ: Wenn Korea die Führungsrolle im Vereinigungsprozess übernimmt, wird dies nicht zum Konflikt mit den USA führen?

Bahr: Die amerikanischen Teilnehmer an der Friedenskonferenz haben erklärt, die USA unterstützten die Sonnenschein-Politik. Ich glaube nicht, daß die USA eine Barriere errichten würden. Warum sich den Kopf über etwas zerbrechen, was noch nicht passiert ist? Die Wiedervereiniung Ihres Landes ist eine Sache mit Nordkorea und nicht mit den USA.

SJ: Auf welchem Weg sollte die Wiedervereinigung erreicht werden?

Bahr: Ich habe das Gipfeltreffen in Korea im vergangenen Jahr aufmerksam verfolgt und war beeindruckt. Ich dachte, auf der koreanischen Halbinsel sei eine neue Lage entstanden. Der süd- und der nordkoreanische Präsident waren sehr vernünftig, sie waren beide Sieger. Das ist sehr wichtig. Bis man den vollkommenen Sieg erzielt hat, sollte man den Gegenüberstehenden nicht als Verlierer abziehen lassen. Man sollte Kompromisse eingehen. Der Wiedervereinigungprozess sollte nicht undemokratisch verlaufen. Bitte seien  Sie  damit nicht allzu ungeduldig. Nehmen Sie sich ein Beispiel an  Deutschland, das heute noch unter den Nachwirkungen der Wiedervereinigung leidet. Es mussten zwanzig Jahre nach dem ersten Gipfeltreffen der beiden deutschen Staatsoberhäupter vergehen. Aus unserer Erfahrung betrachtet, könnte es in Korea im Jahr 2020 interessant werden.

 

Zur Information:

Der ehemalige Wiedervereinigungsminister, Herr LIM Dong-won, wurde  am 12. September zum Special Advisor for President (Foreign Affairs and Security) im Ministerrang ernannt.